Die Sache mit dem Cytotec … Teil 1 Die Fragen

Der empörte Aufschrei war groß. Es schlug eine heftige Welle, die aber sehr schnell sich legte. Und jetzt spricht keiner davon. Zumindest ist der öffentliche Diskurs verebbt. Was der Coronavirus alles möglich macht…

Doch zum Anfang:

Am 11.02.2020 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung erst mal einen Bericht über den Einsatz von Cytotec in der Geburtshilfe.  Andere Medien griffen die Thematik auf und berichteten darüber. Viele Mediziner*innen und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. wiesen empört die Berichterstattung zurück. Was zurück blieb sind, neben Verunsicherung und Wut, viele Fragen. Mit diesen wollen wir uns im Teil 1 der Reihe beschäftigen:

Was ist Cytotec?

Cytotec ist der Handelsname eines Medikamentes der Firma Pfizer. Der darin enthaltende Wirkstoff ist Misoprostol, was ein synthetisch hergestellter Abkömmling des Gewebehormons Prostaglandin ist.

Wann und wo wird Cytotec eingesetzt?

Zunächst wurde Cytotec bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren eingesetzt, um die Produktion der Schleimhäute in Magen und Zwölffingerdarm anzuregen. Dadurch können Medikamente und die Magensäure weniger Schäden anrichten und die Geschwüre können besser abheilen.

Man fand irgendwann heraus, das Cytotec auch eine Wirkung auf die Gebärmuttermuskulatur hat, die sich daraufhin zusammenzieht.

Daher kann man Cytotec theoretisch in der Gynäkologie und der Geburtshilfe einsetzten, z. B. nach der Geburt bei Blutungskomplikationen, bei  verhaltenen Fehlgeburten und bei medikamentösen Schwangerschaftsabbrüchen (in Kombination mit Mifepriston). Und es wird eben auch ab der 36. Schwangerschaftswoche zur Geburtseinleitung hergenommen.

Gibt es Cytotec auf dem deutschen Markt?

Eigentlich nicht. Die Firma Pfizer hat das Präparat 2006 vom deutschen Markt genommen. In anderen europäischen Ländern ist es nach wie vor verfügbar, und kann über ausländische Apotheken importiert werden.

Wie ist die Haltung von Pfizer zum Gebrauch von Cytotec?

Die Firma Pfizer weist daraufhin, das Cytotec von ihnen weder zugelassen, noch ausreichend getestet worden ist für den Gebrauch in der Geburtshilfe.

Was ist ein Off-Label-Use?

Mediziner*innen haben eine Therapiefreiheit, d.h. sie können im Rahmen einer Behandlung Medikamente verschreiben und verabreichen, die nicht dafür zugelassen sind. Bei seltenen Erkrankungen, wo es meist kaum Alternativen gibt, macht das durchaus Sinn. Voraussetzung ist die umfassende Aufklärung durch Mediziner*innen über Nutzen und Risiken.

Welche Alternativen zu Cytotec gibt es?

In der Klinik gibt es folgende Möglichkeiten:

Entweder über eine Infusion (umgs. Tropf) mit Oxytocin, einem Hormon (das auch beim Stillen eine große Rolle spielt), oder einem Vaginalgel mit Dinoproston, das auch ein Prostaglandin ist, ähnlich wie Misoprostol. Manchmal wird auch ein sogenannter „Wehencocktail“ verabreicht, der u. a. Rizinusöl enthält. Durch die abführende Wirkung und dem häufigen Stuhlgang kann man auch Wehen auslösen. Mechanische Methoden, wie Eipollösung, Ballon- oder Doppelballonkatheter und der seltenen Blasensprengung, sind auch Möglichkeiten.

Zuhause gibt es auch Möglichkeiten:

Geschlechtsverkehr, bei einer intakten Fruchtblase, ist eine Möglichkeit Oxytocin zu produzieren, das wiederum Wehen fördert. Bäder und entspannende Massagen mit wehenfördernden ätherischen Ölen (bitte Rücksprache mit Hebamme/Entbindungshelfer und/oder Arzt/Ärztin halten) wirken sich oft auch positiv auf die Geburtseinleitung aus.

Warum müssen Geburten eingeleitet werden?

Nicht jede Geburt muss eingeleitet werden.  

Die wohl am häufigsten Gründe sind die Terminüberschreitung (ab der 41 Schwangerschaftswoche) oder die Übertragung (ab der 42 Schwangerschaftswoche).

Dann gibt es zudem mütterliche Gründe für eine Geburtseinleitung, wie z. B. Bluthochdruck (Hypertonie), Risiko einer Präeklampsie/Eklampsie, oder den schwangerschaftsbedingten Diabetes mellitus.

Kindliche Gründe für eine Geburtseinleitung liegen vor bei makrosomen Kindern (die zu groß bereits sind) oder wenn das Kind zu klein sein könnte.

Und ja, dann gibt es auch Frauen, die eine Einleitung sich wünschen. Aus welchen Gründen auch immer.

Weitere Fragen und Antworten findet ihr hier.

In Teil 2 widmen wir uns den Problemen bzw. den Dilemmas die nun herrschen.

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