Interview mit invisible.wall.vienna zum Thema Vaginismus

Heute geht es um das Thema Vaginismus. Vagi…was? Wer nicht direkt davon betroffen ist, der wird davon wohl kaum was gehört haben. Christina von der Selbsthilfegruppe Vaginismus in Wien hat sich für ein kleines Interview bereit erklärt.

Liebe Christina, der Begriff Vaginismus dürfte den meisten Leser*innen unbekannt sein. Würdest du kurz erklären, was genau Vaginismus ist?

Vaginismus ist die unwillkürliche Verkrampfung der Beckenbodenmuskulatur, welche ein Einführen und/oder Eindringen in die Vagina schwierig bis unmöglich macht. Davon betroffen sein können das Verwenden von Tampons, Einführen eines Spekulums, eines Ultraschallstabs, das Benützen von Sexspielzeug oder das Eindringen eines Fingers bzw. Penis.

Die Versuche etwas einzuführen, sind oft sehr schmerzhaft und werden als negative Erinnerungen abgespeichert, wodurch wiederum die Angst vor weiteren Versuchen erhöht wird.

Generell wird zwischen dem primären und dem sekundären Vaginismus unterschieden. Primärer Vaginismus besteht bereits ein Leben lang und macht sich in der Pubertät bemerkbar (Beginn der Periode, Besuche bei GynäkologInnen und beim penetrativen Sex). Sekundärer Vaginismus tritt erst im Laufe der Zeit meist durch ein bestimmtes Ereignis (z.B.: Geburt, Operation) auf, wobei vorher das Einführen/Eindringen schmerzfrei möglich war.

Die Ursachen für Vaginismus sind sehr vielfältig. Mögliche Ursachen sind: Unzureichende Aufklärung, konservative Erziehung, Ängste (z.B. vor Schwangerschaft), negative gynäkologische Erfahrungen, negative sexuelle Erlebnisse, sexueller Missbrauch/Vergewaltigung, Geburt, Operation, Folgereaktion durch andere Krankheiten, etc.

Das ganze Thema ist sehr umfangreich, aber das wären mal die wichtigsten Punkte zusammengefasst.

Der Wikipedia-Artikel zum diesem Thema ist recht kurz. Wer nicht betroffen ist, der wird jetzt zum ersten Mal davon etwas mitbekommen. Dennoch leitest du eine Selbsthilfegruppe. Ist Vaginismus ein unterschätztes Problem? Oder ist es sehr weit verbreitet und nur äußerst schambehaftet?

Vaginismus ist definitiv weiter verbreitet als man denkt. Es gibt hierbei eine hohe Dunkelziffer, weil man als Vaginismus-Betroffene meist einen Ärztnnen-Marathon bewältigen muss, um überhaupt die Diagnose Vaginismus zu erhalten.

Weiteres kennt kaum jemand Vaginismus in der Gesellschaft und daher ist dieses Thema, wie natürlich auch viele andere sexuelle Probleme, sehr schambehaftet und es wird leider noch immer kaum darüber gesprochen.

Die Therapie von Vaginismus sieht u.a. Beckenbodentraining, die Biofeedbackmethode oder den Einsatz von Vaginaldilatatoren vor. Wie schwer oder einfach ist es für Betroffene an eine geeignete Therapie oder einen guten Facharzt/Fachärztin zu kommen?

Leider sehr schwierig. Die Unwissenheit über Vaginismus ist tatsächlich auch bei einigen ÄrztInnen zu erkennen. Wenn dann noch fehlende Einfühlsamkeit und Unverständnis  hinzukommen, kann es sein, dass sich der Vaginismus bei ÄrztInnenbesuchen verstärkt oder sogar dadurch überhaupt erst entsteht.

Ein wichtiger Faktor, welcher hier auch genannt werden sollte, sind auch die hohen Therapiekosten, um überhaupt eine Vaginismus-Therapie durchführen zu können.

Viele gynäkologische Behandlungen haben mit dem Einführen in die Vagina von Untersuchungsgeräten oder Medikamenten zu tun. Auch ein großer Teil der Monatshygiene wird vaginal eingeführt. Was könnte man deiner Meinung nach daran verbessern, um den u.a. den psychischen Druck von Betroffenen zu mindern?

Bei der gynäkologischen Behandlung ist es mir vor allem  wichtig, dass ÄrztInnen einfühlsam sind und sich Zeit für mich als Patientin nehmen. Vorab sollten auch die Untersuchungsschritte genau erklärt werden und auch das miteinander Kommunizieren während einer Untersuchung ist essenziell. Leider habe ich schon zu oft gehört, dass ein „Stop“ von PatientInnen nicht ernst genommen wird. Das geht einfach nicht und ist total inakzeptabel.

Durch verschiedenste Gespräche habe ich erfahren, dass für manche PatientInnen es hilfreich ist, wenn sie das Spekulum und den Ultraschallstab selbst einführen dürfen. Hier wäre es schön, wenn GynäkologInnen einfach Rücksprache mit der Patientin halten, ob sie das vielleicht selbst machen möchte.

Gerade der Gynäkologenstuhl sorgt auch oft für Schrecken. Mit geöffneten Beinen nackt vor einer fremden Person zu sitzen/liegen ist nicht die angenehmste Situation. Ich sehe hier wieder einmal die Wichtigkeit von Einfühlungsvermögen und unter uns nun, das bedeutet auch auf geschlossene Türen zu achten. „Geschlossene Türen“ klingt vielleicht banal und selbstverständlich, aber ich erwähne es hier explizit, weil mir solche Ereignisse mit geöffneter Türe auch schon geschildert wurden.

Bezüglich der Monatshygiene wäre eine bessere Aufklärung generell wünschenswert. Es sollten Informationen über alle Monatshygiene-Artikel zur Verfügung stehen. Eine gute Alternative zur vaginal einführenden Monatshygiene sind neben Binden auch Periodenslips und Stoffeinlagen. Auf diese wird meist eher weniger eingegangen und von der Gesellschaft meist mit „Ekel“ verknüpft.

Wünschenswert wäre auch ein Monatshygiene-Artikel zum Schwimmen, welcher nicht vaginal eingeführt werden muss.

Unter was leiden Betroffene am meisten? Was wird am häufigsten in eurer Selbsthilfegruppe thematisiert?

Bevor die Betroffenen in die Selbsthilfegruppe kommen, leiden sie am meisten unter dem Gefühl des „Alleinseins“. Viele denken, dass sie abnormal sind und dass man mit diesem Thema alleine auf der Welt ist. Sie sind daher sehr glücklich endlich auf Gleichgesinnte zu treffen und erkennen sich dann in den Geschichten und Erlebnissen der Anderen wieder. Dieses Gefühl bringt Erleichterung mit sich und das Gefühl sich endlich verstanden zu fühlen.

Weiters sehen die Betroffenen anhand von mir und anderen Mitgliedern, die den Vaginismus bereits besiegt haben, dass es auch für sie möglich ist den Vaginismus zu „lösen“ bzw. zu „bekämpfen“.

Am Häufigsten wird bei den Gruppentreffen thematisiert, dass der Weg zur Diagnose „Vaginismus“ extrem schwierig und langwierig war. Es scheitert leider hier an der Unwissenheit und/oder wenigen Einfühlsamkeit von einigen ÄrztInnen.

Ansonsten reden wir in der Selbsthilfegruppe generell über sehr viele verschiedene Themen im Zusammenhang mit Vaginismus: Thema Lust, das Benützen von Menstruationsprodukten, mögliche Ursachen für den Vaginismus, Dilatorentraining, Beckenbodentraining, Austausch mit FreundInnen, Familie, Single/Beziehung und der Umgang mit Vaginismus,etc.

Neben sehr ernsten Themen wird bei den Gruppentreffen aber auch viel gelacht und es herrscht eine sehr angenehme und lockere Atmosphäre.

Mit dem Instagramaccount invisible.wall.vienna betreibst du auch Aufklärung. Was würdest du dir generell an Veränderung (politisch/gesellschaftlich) wünschen für Menschen mit Vaginismus?

Wichtig wäre es sexuelle Mythen endlich aus der Welt zu schaffen, Tabu-Themen zu brechen und eine offene Kommunikation für Sexualität/sexuelle Probleme zu schaffen.

Themen die mir meine Vaginismus-Reise sehr erschwert haben:

– Mangelhafte/fehlende sexuelle Aufklärung an Schulen. In Biologiebüchern wird z.B.: noch immer das weibliche Geschlechtsorgan falsch dargestellt.

Gerade in der Pubertät hat man sehr viele sexuelle Fragen und man kann sich dann meist nur über das Internet „weiterbilden“.

Die sexuelle Aufklärung an Schulen und in der Gesellschaft sollte verstärkt werden. Es ist hier schon einiges an Aufklärungsarbeit passiert, aber es ist trotzdem noch viel zu tun.

– Der sehr weit verbreitete Gedanke, dass penetrativer Sex mit Sex gleichzusetzen ist. Der penetrative Sex wird als der „normale“ Sex in der Gesellschaft angesehen. Hast du diesen nicht, hast du kein Sexualleben! Eine Frage, die mir schon öfters gestellt wurde: „Obwohl dein Exfreund und du keinen (penetrativen) Sex haben konntet, ist er trotzdem so lange bei dir geblieben?“

Um das vielleicht mal klarzustellen, man kann als Vaginismus-Betroffene sehr wohl ein erfülltes Sexualleben haben (eben einfach ohne penetrativen Sex)!

– Der Mythos um das Hymen: „Das 1. Mal wird schmerzen und bluten“.

Dieser Gedanke alleine schürt Angst und Schrecken und ist halt leider auch ein verbreiteter Mythos, welcher einen positiven Zugang zum Sex erschwert.

– Dass die Periode noch immer ein Tabuthema ist und das Verwenden von Binden oft als „ekelig“ empfunden wird.

Viele Vaginismus-Betroffene können weder ein Tampon noch eine Menstruationstasse einführen. Eine Binde ist nicht so leicht zu verstecken und bereitet gerade beim Schwimmbadbesuch Probleme.

– Weiterbildung von ÄrztInnen in Bezug auf das Thema Vaginismus. Das Thema ist oft unbekannt und erschwert es für Vaginismus-Betroffene überhaupt diagnostiziert und erfolgreich behandelt zu werden.

– Finanzielle Leistbarkeit von Sexualtherapien.

Wir brauchen definitiv die Unterstützung und den Willen der Krankenkasse.

Letzte Frage: Kaffee oder Tee?

Ich liebe beides 🙂

Danke fürs Interview!

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