Interview mit Julika Prantner-Weber

Julika Prantner-Weber ist ein wahres Multi-Talent: Sozialarbeiter*in in der queeren Bildung, Künstler*in, Illustrator*in und Gestalter*in und auf Social Media (@julika.prantnerweber) präsent. Zudem setzt sich Julika kritisch mit gesellschaftlichen Themen auseinander.

In meiner Arbeit bin ich ständig mit den klassischen Geschlechterrollen konfrontiert. Rosa für die Mädchen. Blau für die Jungen. Da achtet so manche Pflegekraft oder Hebamme, das entweder ein „farblich neutrales“ oder „entsprechend farblich passendes“ Mützchen oder Sockenpaar den Eltern in die Hand gegeben wird. Was geht dir spontan bei dieser Schilderung durch den Kopf?

Ich denke, das ist eines von vielen Symptomen in dieser cis-normativen Gesellschaft, in die Babys reingeboren werden. Das heißt, eine Gesellschaft, die davon ausgeht, dass das was zwischen deinen Beinen ist zwangsläufig und immer deine Identität bestimmt. Darauf folgen normierende Rollenvorstellungen, die Einfluss auf Entwicklung eines Kindes nehmen. Die Frage ‚Mädchen oder Junge?‘, ‚Rosa oder blau?‘ ist da nur der Anfang.

Es ist wichtig Eltern in ihrer geschlechtsunabhängigen Erziehung zu empowern – so können auch kleine Irritationen, wie farblich neutrale Mützchen einen Teil dazu beitragen und geschlechtliche (Farb-)zusammenhänge ganz auflösen.

Du bist Sozialarbeiterin in der queeren Bildung. Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag für dich als Sozialarbeiterin aus?

Ich arbeite in dem queeren Verein RosaLinde e.V. in Leipzig. Dort bin ich für Koordination und inhaltliche Ausgestaltung der Schulprojekte, sowie Begleitung der Ehrenamtlichen und Qualitätssicherung zuständig. Ich schreibe viel E-Mails, telefoniere und organisiere die anstehenden Projekte. In der Praxis gehe ich mit einem Team von Ehrenamtlichen an die Schulen. Dort gestalten wir Anti-Diskriminierungsworkshops für queere L(i)ebensweisen.

Auf Social Media Kanälen kommt es einem manchmal so vor, als wimmle es nur so von Menschen, die queer/lesbisch/schwul/asexuell/trans/etc. sind. Werden diese Menschen mehr oder verändert sich unsere Gesellschaft? Oder sind wir eigentlich alle ein bisschen queer?

Ich feier‘ diese zunehmende Sichtbarkeit hart. Wichtig: queere Menschen hat es immer schon gegeben. Dass queere L(i)ebensweisen aktuell mehr gesehen werden liegt u. a. an zunehmender Medialisierung und dass sich die Gesellschaft in gewissen Bereichen liberalisiert. An anderen Stellen fallen Menschen in stark konservative Muster zurück – das lähmt diese Prozesse.

Wären alle ‚ein bisschen queer‘, würden so kleinen queeren Vereinen wie der RosaLinde, Transpersonen und jungen Homosexuellen in der Schule nicht solche Steine in den Weg gelegt werden. Queer ist ein Begriff, der lange als Schimpfwort für Homosexuelle benutzt wurde, um sie bewusst auszugrenzen. Dass sich jetzt queere Personen selbstbewusst als solche bezeichnen, geht auf einen harten Kampf für Gleichberechtigung zurück, der noch lange nicht zu Ende ist.

Aber ich stell schonmal einen Sekt kalt für den Tag, wenn alle ein bisschen queer sind.

Bild von Julika Prantner-Weber

Bodyshaming und Bodypositivity ist in aller Munde und auch Teil deiner künstlerischen Arbeit. Dennoch ist der Traum vieler junger Menschen bei „Germanys next Topmodel“ dabei zu sein. Wie kann das sein?

Eine Sendung, wie ‚Germany’s next Topmodel‘ gibt klar vor, wie ein weiblicher Körper auszusehen und zu funktionieren hat. Hierbei bedient die Sendung aber nur das, was in der Gesellschaft schon da ist. Bei dieser Sendung mitzumachen heißt in dieser Gesellschaft begehrenswert zu sein.  

Genauso wie wir in einer heteronormen Gesellschaft leben, in der offensichtlich ist, dass homo- und bisexuelle Personen aus dem Raster fallen, leben wir in einer körpernormierten Gesellschaft, die vorgibt welche Körper gut und welche schlecht sind.

Das fängt bei der Sichtbarkeit an: Wenn mein Körper in den Medien nicht vertreten oder nur negativ konnotiert wird, wird eine positive Beziehung zu mir erschwert. Wie eine positive Beziehung aussehen kann, beschäftigt mich auch in meinen künstlerischen Arbeiten. 

Viele denken, dass sie als schlanker Mensch zum Thema Bodypositivity schweigen sollten. Ein falscher Umkehrschluss?

Ich finde nicht, dass normgewichtige Personen zu dem Thema schweigen sollten! Wichtig ist es vielleicht ein wenig hinter den Begriff zu schauen:

Die Ursprünge des Begriffs Bodypositivity liegen in der fatliberation- Bewegung, in der ein wertschätzender Zugang zu mehrgewichtigen Körpern fernab toxischer Normen erkämpft wurde. Nun wird der Begriff teilweise von normgewichtigen Personen aufgegriffen und vermarktet. Das ist ähnlich wie bei dem Begriff queer. Fitnessstudios und Influencer_innen werben damit; beim #hashtag bodypositivity sind ein Viertel Vorher-Nachher-Bilder. Es geht schon wieder darum: Wann ist ein Körper ein richtiger Körper und wann nicht.

Es gibt nichts Cooleres, wenn alle Personen einen positiven Zugang zu ihren Körpern haben – doch muss man sich fragen, welche sind nach wie vor gesellschaftlich akzeptiert sind und welche nicht.

In einigen deiner Bilder thematisierst du die frühkindliche Sexualität. Auf den ersten Blick wirkt das für viele Menschen befremdlich. Man hat sofort das Wort „Kinderpornographie“ im Kopf und/oder Kontroversen wie bei dem Literaturklassiker „Lolita“ von Nabokov. Ein künstlerischer Balanceakt?

Ganz wichtig ist, dass frühkindliche Sexualität mit Erwachsenensexualität nicht in eine Kiste gesteckt wird.

Eltern und pädagogische Fachkräfte kommen schnell an ihre Grenzen, wenn Kinder bei der Selbststimulation oder Mutter-Vater-Kind spielen erwachsene Schamgrenzen tangieren. Um genau diese Ohnmacht besprechbar zu machen habe ich mich mit zwei Sexualpädagog*innen zusammengesetzt und Themen wie Körperentdecken, Interaktion und Selbststimulation abgebildet.

Bild von Julika Prantner-Weber

Sexualität ist nach wie vor mit Scham bedeckt und das wirkt sich auf kindliches Verhalten aus. Scham führt zu Sprachlosigkeit und das kann Grenzüberschreitungen den Weg bereiten.

Aber ja, diese Themen zugänglich und real und nicht plakativ-voyeuristisch abzubilden war für mich eine Herausforderung.

Was würdest du dir vom Staat in Sachen Sexualpädagogik wünschen? Wo siehst du Verbesserungsbedarf?

Unabhängige Sexuelle Bildung muss fester und regelmäßiger Bestandteil in den Schulen werden. Sexuelle Bildung muss in verschiedenen Altersstufen mit ihren jeweiligen (Un)Sicherheiten begleiten.

Was geht dir so dermaßen auf den Keks, das du es am liebsten mit einem Fingerschnipp ändern würdest?

Gerade jetzt würde ich die Lager in Moria öffnen und die reichen europäischen Länder zur Verantwortung ziehen. #leftnoonebehind

Prinzipiell fände ich ein Leben jenseits des Patriarchats recht erfrischend.

Letzte Frage: Hund oder Katze?

Ähh, Maus.

Danke fürs Interview

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