Das Tofuwürstl der sexuellen Belästigung

Das „Männerwelten“Video von Joko&Klaas zieht seine Kreise. Mittlerweile jeder hat es gesehen. Jeder hat sein Statement abgegeben. Jeder hat es gefeiert, und/oder kritisiert. Und fast jeder war geschockt. Der Schock darüber, wie es zu sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung überhaupt kommen kann (die Frage ist, wie lange der Schock anhält bis er wieder in Vergesseneheit gerät). Einige Reaction Videos und Kommentaren von cis-Männer legen nahe, das sie selbst so was noch nie gemacht haben und keinen kennen der so was machen würde. Manche kramen auch in der Erinnerungskiste und können sich an „so einen Typen“ erinnern, der aber natürlich sofort eine aufs Maul bekommen habe. Ich frage mich, wie viele von diesen angeblichen Helden, damals über die besagte Grabschaktion von Joko&Klaas gelacht haben. War ja alles damals nur ein „Spaß“. Ein „Scherz“ im Rahmen einer Blödelsendung. Doch, wie ist das mit dem oft gesagten Scherz? Dem angeblichen Kompliment?

Ich lade alle, vor allem die oben genannte Gruppe und die beschwichtigende „Alles halb so wild“- Fraktion, ein zu einem Gedankenexperiment:

Das Gedankenexperiment

Stell dir vor, du isst gerne Fleisch. Du hast schon immer Fleisch gerne gegessen. Fleisch ist dein Gemüse und du legst Wert darauf, auch als Fleischesser gesehen und respektiert zu werden. Natürlich kennst du auch die unangenehmen Seiten, z.B. wenn kein hochwertiges Fleisch da ist, Billigfleisch auf dem Teller liegt oder im Ernstfall gar keines. Du hast dir schon so manchen doofen Spruch bezüglich deines Fleischkonsums anhören müssen, aber so ist es eben. Das gehört anscheinend zum Leben so dazu. Du weißt, dass dies nun mal so ist und anderen Fleischessern genauso geht. Du gehst alleine an einem lauen Sommerabend durch die Stadt. Du schlenderst durch die Straßen und entdeckst einen Imbiss, mit köstlichen Fleischgerichten. Es duftet herrlich und der Laden ist gut besucht. Du studierst gerade das Schild mit der Speisekarte, als plötzlich sehr nah bei dir eine Person steht. Wirklich sehr nah. Es ist dir unangenehm, aber du lächelst schüchtern. Bist ja auch zu Freundlichkeit, Höflichkeit und Hilfsbereitschaft erzogen worden. Die Person grinst dich an und meint: „Na Schätzelein? Haste Hunger?“ Du nickst stumm und starrst auf die Tafel. Die Person packt dich am Unterarm und spricht: „Ja. Appetit hätt ich auch. Aber das hier … dieses Fleisch … das ist doch nichts. Siehst eher aus, als würdest du was Richtiges vertragen. So `ne leckere, knackige Tofuwurst.“ Die Person ist mit ihrem Gesicht nun sehr nah an deinem und drückt dir in die Hand eine Packung Tofuwürstchen. Du stotterst ein leises und höfliches: „Nein, danke.“ Dein Hals schnürt sich zu, du bekommst Schweißausbrüche und blickst in den Imbiss rein. Du fragst dich, warum keiner einschreitet? Es müsste doch jeder sehen, in was für einer unangenehmen Situation du steckst. Der Kerl wird aufdringlicher und meint in einem pampigen Ton: „Wie jetzt? Ich dachte, du hast Hunger? Was ist denn an meinem Tofuwürstchen falsch? Wenn ihr Fleischesser mal mehr Tofu essen würdet, dann wäret ihr alle ein bisschen gechillter und handzahmer.“ In ein paar Metern Entfernung entdeckst du plötzlich eine dir bekannte und vertraute Person. Endlich, das ist deine Rettung. Deine Vertrauensperson wird dieser schmierigen Person sicherlich sagen, dass sie sich ihre Tofuwürstl sonst wo hinstecken kann. Deine Vertrauensperson sieht dich verwundert an und die schreckliche Person lässt von dir ab. „Was ist denn hier los?“, wirst du gefragt, aber die Tofuwürstl-Person erwidert ganz schnell: „Nichts, wir haben uns nur ein bisschen unterhalten und ich hab ein Geschenk verteilt.“ Du zeigst deiner Vertrauensperson verschämt die Packung in deiner Hand und willst gerade dich dazu äußern, aber soweit kommt es nicht. Deine Vertrauensperson sieht dich an, zieht dich weiter und meint „Ja, ich weiß. Nimm´s jetzt einfach als Geschenk, pack es ein und komm mit.“ Du bist total baff und den Tränen nahe. Damit hast du nicht gerechnet. Deine Vertrauensperson zieht dich mit. Hinter dir hörst du diese schmierige Person dreckig lachen mit den Worten: „Meine Güte. Wie empfindlich! War doch nur ein Geschenk.“

Das Beispiel lässt sich auch umdrehen, dann bist du halt Vegetarier*in/Veganer*in und jemand drückt dir eine Packung Wiener in die Hand. Oder du bist ein Technikfan und jemand dreht dir ungefragt ein altes klappriges Fake-Iphone in die Hand. Usw. usf.

Wann ist ein Kompliment ein Kompliment?

Was ist also ein Kompliment, ein Scherz/Witz oder ein Geschenk? Nichts anderes als ein Angebot von jemand. Angebote kann man annehmen oder ablehnen. Das liegt alleine im Ermessen von demjenigen, der dieses Angebot erhält. Allein die Intension ein Kompliment, Witz oder Geschenk zu machen, macht es noch lange nicht zu einem gelungenen Angebot. Gut gemeint ist nicht automatisch auch gut gemacht. Wer sich bei seinen Komplimenten, Witzen oder Geschenken keine Mühe gibt, der braucht sich nicht wundern, wenn diese abgelehnt werden und/oder erst gar nicht als solches wahrgenommen. Wenn es um sexuelle Belästigung geht, kommt oft, auch im Nachhinein, das Totschlagargument „War doch nur ein Kompliment/Witz.“ Es wirkt oft so, dass die Täter*innen bei einer Ablehnung merken, dass sie sich daneben benommen haben. Anstatt sich zu reflektieren, zu entschuldigen und sich zurückzuziehen, erniedrigen sie ihr Opfer, in dem sie es hinstellen, als wäre es zu doof und undankbar ein Kompliment/Scherz anzunehmen. Wenn jemand ein Angebot ausschlägt, dann gibt es dafür viele Gründe und manchmal liegt es auch daran, dass es nicht attraktiv ist.

Der bittere Nachgeschmack

Ich weiß, dass das Beispiel etwas hinkt. Die Packung mit den Tofuwürstl kann man wegwerfen, oder weiterverschenken. Oder im Kühlschrank aufbewahren. Die Erinnerung an eine sexuelle Belästigung bleibt.

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