Die „Boys“, der Sender und der Sexismus – ein persönliches Statement

Gestern gab es eine wahre Überraschung im deutschen Fernsehen. Im Rahmen der Show „Joko und Klaas gegen Pro Sieben“ gewannen die beiden 15 Minuten Sendezeit zur Prime Time. Diese Zeit durften sie gestalten, wie sie wollten. Diesmal waren die beiden „Boys“ nicht zu sehen, dafür aber viele andere.

Bühne frei für Sophie Passmann

Die Autorin und Journalistin Sophie Passmann führte durch eine fingierte Ausstellung namens „Männerwelten“. Die Triggerwarnung an empfindsame Menschen ist, gelinge gesagt, unglücklich formuliert. Denn meistens sind die Menschen, denen der Inhalt des Videos nahe geht, nicht einfach empfindsam, sondern in erster Linie Betroffene. Nun gut, daran lässt sich arbeiten.

Das Video

Insgesamt sind die 15 Minuten sehr gut aufgebaut. Sophie Passmann moderiert souverän die Sendezeit zusammen mit den Protagonistinnen. Es werden auf, ja auch wenn man es sich kaum vorstellen kann und mag, alltägliche Situationen eingegangen. Angefangen von sogenannten Dick-Pics, die manche Männer ungefragt an Frauen schicken via. Instagram, Facebook und Co. Weiter geht es mit sexistischen Kommentaren aus dem Netz, die oft Frauen in der Öffentlichkeit stehen treffen. Karin Bauernfeind und Collien Ulmen-Fernandes lesen Chatverläufe der übelsten Sorte vor. Und ja, so was gibt es wirklich. Jeden Tag. Der Instagram Account Antiflirting2 sammelt und veröffentlich diese. Frauen erzählen von ihren Erfahrungen, die sie erlebt haben, angefangen bei Catcalling bis hin zu versuchter Vergewaltigung. Im letzten Raum wurden die Kleidungsstücke gezeigt, die Frauen an hatten, als sie Vergewaltigung worden sind.

Es wurde in diesen Sendeminuten, so viele Sachen angesprochen und sichtbar gemacht. Sophie Passmann hat einen verdammt guten Job gemacht. Und dennoch habe ich diesen seltsamen bitteren Nachgeschmack.

Meine Kritikpunkte

  1. Es ist traurig, dass zwei Männer ihre Sendezeit dafür hergeben, damit diese Thematik sichtbar wird. Es hat zwei Männer gebraucht, damit Deutschland darüber redet. Betroffene reden darüber seit Jahrzehnten. Es wird seit Jahrhunderten immer wieder debattiert. Anscheinend hört keiner zu oder nimmt es ernst.
  2. Joko und Klaas sind selbst Teil des Problems „Sexismus“. Beide haben in ihrer früheren Sendung „NeoParadise“ zweimal vor laufender Kamera und Publikum Frauen begrapscht. Natürlich mit den entsprechend geschmacklosen Witzen im Anschluss. Es wäre daher angebracht gewesen, Joko und Klaas hätten die Chance genutzt, um sich selbst zu reflektieren.
  3. Der Sender ProSieben ist in Sachen Sexismus ganz vorne mit dabei. Angefangen bei der Sendung „Germanys Next Topmodel“ bis hin zu verbalen Entgleisungen von diversen Moderatoren.
  4. Es kommen ausschließlich weiße Frauen in der Sendung vor. Von Vielfalt keine Spur. Eine weiße heterosexuelle cis-Frau hat vielleicht andere Probleme, als z. B. eine Transfrau.
  5. Ein Teil der Sendung wurde in Kooperation mit der Organisation Terre de Femmes gemacht. Leider fällt diese Organisation immer wieder negativ auf. Angefangen bei ihrer Position bezüglich Kopftücher von Muslimas bis hin zu ihrer Haltung gegen Sexwork.

Es war gut gemeint von Joko und Klaas. Und Sophie Passmann hat ihre Sache gut gemacht. Gut gemeint, ist aber selten auch gut gemacht.

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