Donaulied: Braucht die Gesellschaft diese Art von Tradition?

In einer Weiterbildung gab ein Dozent mir und meiner Gruppe einen Rat mit. Man möge doch immer über Patient*innen/Klient*innen/Kund*innen/etc. stets so sprechen, als würden sie direkt neben einen stehen. Das würde verhindern um auf „die dunkle Seite“ zu gelangen, denn diese breitet sich vom Arbeitsalltag in das private Leben aus. Ist man einmal auf der „dunklen Seite“ ist es schwer da wieder heraus zu kommen. Am Ende droht ein einsames Leben als Zyniker*in führen zu müssen, weil viele Mitmenschen einen dauerhaft meiden. Wir geben uns nur ungern mit dauerhaft schlecht gelaunten Zeitgenoss*innen ab.

Der Leserbriefschreiber, sowie alle Kritiker der Petition gegen das Donaulied, mögen sich doch bitte mal folgendes vorstellen:

Vor ihnen steht eine Person, welche eine Vergewaltigung erleben musste. Diese Person trägt bis heute noch psychische oder sogar physische Folgen von dieser Tat. Stellen Sie sich vor, diese Person erzählt Ihnen, dass sie sich von diesem Donaulied gestört fühlt. Es stört die Person, dass Menschen das betrunken und gedankenlos im Bierzelt mitgrölen. Es stört die Person, weil es eine schreckliche Tat verherrliche, Vergewaltigungsmythen fördere (in der Version, wo die Frau „mitmacht“), Opfer erniedrige und sogar Flash-Backs auslöse. Würden Sie dieser Person direkt ins Gesicht sagen, sie solle sich nicht so anstellen, ist doch „nur“ ein Lied? Ist halt eben Brauchtum/Tradition, dass dies so gesungen wird? Was wäre wenn, diese Person Ihnen vertraut wäre, z.B. Partner*in, Geschwister, beste Freund*in, etc.? Holt man in diesem Falle auch aus, und erklärt, dass es noch andere Gedichte/Lieder/usw. gibt, wie z.B. Goethes Heideröslein und das dies sogar „hohe Bildung“ ist. Würden Sie sowas einem geliebten Mitmenschen sagen, der sowas erleben musste?

Im April erst durfte Till Lindemann ein Gedicht veröffentlichen, das auch auf eine Vergewaltigung anspielt. Die Rechtfertigung des Verlages auf die Kritik war ähnlich. Es ist eben die Sicht des „lyrischen Ichs“, die Aufregung daher laut Herausgeber unnötig und unverständlich. Mit dem „lyrischen Ich“ von Lindemann hat sich wohl weder der Verlag auseinandergesetzt, noch Lindemann selbst. Als könne man sein eigenes „lyrisches Ich“ nicht mal in die Schranken weisen. Oder auch feststellen, dass besagtes „lyrisches Ich“ mal eben kein gelungenes Gedicht hervorgebracht hat.

Hier passierte genau das, was wir gerade auch beim Donaulied haben. Es wird ein kritischer und reflektorischer Diskurs verwehrt, weil jegliche Kritik mit den Totschlagargumenten Kultur, Kunst, Tradition, Brauchtum, etc. abgekanzelt wird. Man beharrt auf alten Strukturen, egal wie menschenverachtend sie sind und missbraucht damit, was Kultur, Kunst, etc. eigentlich ist, sein kann und auch benötigt, nämlich Wandel, Erneuerung, Vielfalt und Kreativität. Zumindest braucht es in vielen Fällen eine möglichst objektive und reflektierende Betrachtung. Braucht unsere Gesellschaft wirklich diese Art von Tradition? Das Überliefern und Weitergeben von gedankenlosen mysogynischen Verhalten? Der Mensch ist ein kulturschaffendes Wesen und wir können alle einen Beitrag dazu leisten, in welcher Art von Kultur wir leben wollen. Oft genug noch bestimmen Männer, wer in Kunst, Kultur und Brauchtum gefördert, publiziert und wem eine Bühne geboten wird, und das sind meist andere Männer. Ein Verbot des Donauliedes hat auch nur für die Ewiggestrigen mit deren verhasster „Political Correctness“ zu tun, weil sie es als Einschränkung empfinden. Wie wäre es mit mehr Empathie gegenüber anderen? Das Donaulied – ist das nun Brauchtum/Tradition/Kultur? Oder kann das weg? Ich würde Ja sagen, es kann weg.

Donaukurier – Leserbriefe – Seite 14 – 19.06.2020

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