Mental Health mit Femurminismus – Das Interview

„Systemrelevant“ war und ist eine der wichtigsten Bezeichnungen, die vor allem für Menschen mit bestimmten Berufen gilt. Allen voran für Pflegekräfte. Auch wenn es schon vor der Coronakrise bekannt war, ist es jetzt offensichtlicher unter welchen physischen und psychischen Druck diese Arbeiter*innen stehen. Der Gedanke an einen Pflegxit ist für viele Realität. Karina Kloos hat den Pflegxit (=beruflicher Ausstieg aus der Pflege) gewagt und ist trotzdem der Pflege treu geblieben. Auf ihrem Instagram-Account  @femurminismus teilt sie gesundheitspolitischen Content mit Schwerpunkt Mental Health.

Liebe Karina, wie geht das – Einen Pflegxit machen und trotzdem der Pflege treu bleiben?

Ich habe in der Ausbildung gemerkt, wie vielfältig, komplex und schön dieser Beruf ist. Und nur weil diese Arbeit nicht zu mir gepasst hat, heißt das ja nicht, dass ich ungern in der Pflege war. Ich bin gegangen und wusste, dass ich weiterhin kämpfen werde.

Rosa Luxemburg sagte einst: „Unpolitisch sein heißt politisch zu sein, ohne es zu merken.“ Inwiefern betrifft das, deiner Meinung nach, die Pflege in Deutschland?

In allen anderen Berufsfeldern ist es normal, dass man laut wird, wenn Missstände vorhanden sind. In dem Moment, wo wir uns entscheiden leise zu bleiben, glauben alle anderen, dass es keine Probleme gibt. Unser Schweigen ist stilles Zustimmen und damit politisch.

Du selbst bist parteipolitisch aktiv. Wie kann die Pflegesituation in Deutschland am besten geändert werden? Wo sind die besten Ansatzpunkte, um schnell und nachhaltig zu agieren?

Am Besten von allen Seiten. Egal ob in einer Partei, einer Gewerkschaft, einem Berufsverband oder der Kammer. Wenn wir uns alle dort aktiv beteiligen, wo ihr uns von der Arbeitsweise her wohl fühlen, können wir die Probleme vielseitig bearbeiten. Das wichtigste ist, dass mehr als nur 10% irgendwo still organisiert sind. Wir sind in den Gesundheitsberufen über 2 Mio. Menschen, wir könnten verdammt laut sein.

Ein großes Thema auf deinem Instagram-Account ist „Mental Health“. Wie groß ist die Akzeptanz in der Gesellschaft zum Thema psychische Erkrankungen? Wo hapert es noch?

Irgendwo im Keller. Ich kenne Menschen, die Angst haben in Therapien zu gehen, weil sie Angst haben ihren Job zu verlieren oder Jobs nicht zu bekommen, wenn jemand erfährt, dass sie in Therapie sind. Weiterhin ist es voll normal, psychische Erkrankungen als Beleidigung zu benutzen. Wir brauchen viel mehr Aufklärung, am Besten schon in der Schule. Und wir brauchen mutige Menschen, die offen Stigmata brechen.

Rassismus, Feminismus, #leavenoonebehind, Männerwelten, #CoronaEltern, …auf Social Media ist immer was los. Man hat das Gefühl, wenn man sich nicht sofort zu was äußert, man hinterher hinkt. Oft bekommt man auch das Gefühl, dass einige Mitmenschen (Blogger*innen, etc.) irgendetwas gezwungenes von sich geben, um auch was zum Thema XY gesagt zu haben. Wie kann man sich hier (als Blogger*in, Influencer*in, Aktivist*in, etc.) mental gesund halten?

Man sollte Sich selber klar machen, welche Ziele man mit seinem Aktivismus bzw. Account erreichen will. Und man sollte verinnerlichen, dass es OK ist zu sagen, dass man von einem Thema mal keine Ahnung hat und kann sich von seiner Community auch mal Empfehlungen rein holen. Ich hab z.B. immer noch sehr wenig Ahnung von Antisemitismus. Da ist es eher meine Strategie, auf meinem Account nach Literatur oder persönlichen Meinungen zu fragen. So kann ich selber was dazu lernen und gebe eine Plattform zum Austausch. Und so nimmt man sich selber den Druck immer zu allem ne Meinung zu haben.

Welche Empfehlungen (Buch, Film, Blog, Instagram-Account, etc) hast du? Wo ziehst du dir deine Informationen her?

Diese Frage kann ich nicht eindeutig beantworten und könnte jetzt ganze viele Quellen empfehlen. Ich habe eine große Liebe für Sachbücher, Dokus, Studien, Statistiken und Infos. Wenn mich ein Thema interessiert, versuche ich mich möglichst vielfältig zu informieren: Ich suche Fachliteratur, Studien und Erfahrungsberichte und bringe das dann irgendwie zusammen.

Letzte Frage: Buch oder Film?

Wenn es um Geschichten geht – Filme. Bei Sachthemen – Buch.

Danke für das Interview!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.