Es liegt auf der Hand – Das Interview mit Martha vom Periodenproduktquartett

Die positive Entwicklung ist unaufhaltsam und schreitet mehr und mehr voran. Davon profitieren wir am Ende alle. Es geht wiedermal um das Thema Menstruation. Martha gehört zu den klugen und kreativen Köpfen, die uns alle mit neuen Ideen rund um Aufklärung und Periodpositivity versorgen.

Hallo Martha! Stell doch bitte dich und dein Projekt kurz vor.

Hallo liebe Johanna, erstmal vielen lieben Dank für das Interview! Ich freue mich wirklich sehr über so viel positives Interesse an meinem Quartett, das ich in den letzten Monaten erfahren konnte!
Zu mir: Ich bin Martha und studiere derzeit noch an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle Buchkunst und habe im Rahmen meines Studiums das Perioden-Produkt-Quartett entwickelt. Damit kann man Perioden-Produkte miteinander vergleichen. Also keine Autos und deren Leistungen, sondern Perioden-Produkte, wie Tampons oder Menstruationstassen usw.

Bild von Perioden Produkt Quartett

Wie kamst du denn darauf ausgerechnet ein Quartett zu entwickeln?

Die ganze Idee dafür entstand im Sommer 2019, als ich meine Periode so stark bekommen habe, dass ich gar nicht mehr wusste, wie ich diese Blutflut auffangen sollte, um nicht komplett auszulaufen. Aufgrund meiner starken Periode, habe ich angefangen, mich mit vielen Produkten auseinander zu setzen, um zu schauen, wie ich am besten damit umgehen kann. Da ich zu diesem Zeitpunkt auch noch ein Thema für mein Semesterprojekt brauchte, entstand diese Idee relativ schnell. Ich fand es einen genialen Einfall, Tampons, Menstruationstassen oder Menstruationsunterwäsche anhand eines Quartetts zu vergleichen. Daher schrieb ich verschiedene Hersteller an, um bestimmte Details über die Produkte herauszufinden und überlegte, welche Kategorien bei einem Quartett relevant sein könnten.

Aufklärungsunterricht ist ja immer so eine Sache. Entweder es wird alles super erklärt oder es ist total schambehaftet. Wie hast du deinen Aufklärungsunterricht in Erinnerung?

Aus jetziger Sicht war die Aufklärung über die Periode nicht wirklich gut! Ich weiß noch, dass uns Binden und Tampons gezeigt wurden, aber mehr auch nicht. Und das ist aus heutiger Sicht wirklich erschreckend. Als ich damals als Jugendliche diese riesigen Binden gesehen habe, war ich von der Größe der Binden dezent schockiert. Ich hätte niemals gedacht, dass man die sich in einen Slip kleben kann und dann damit noch vernünftig laufen kann. Der Tampon-Effekt wurde uns natürlich auch vorgeführt, indem ein Tampon ins Wasser gehalten wurde, um zu zeigen, wie er sich vollsaugen kann. Das war zwar interessant zu sehen, aber bei der Anwendung von Tampons hat das leider nicht geholfen. Als ich dann meine Periode mit 13 bekommen habe, musste meine Mutter mich richtig aufklären. Ich weiß noch wie peinlich ich über den braunen Blutfleck in meiner Hose war. Ich dachte zuerst, ich hätte mir in die Hose gemacht, uns wurde nämlich nicht erzählt, dass das Blut verschiedene Farben haben kann. Erst benutzte ich Binden, weil ich die Anwendung von Tampons nicht richtig verstanden hatte. Ich wusste nur, dass es da unten irgendwo eine Öffnung gab, in die man ihn hineinstecken musste. Schon allein das „Nichtbenennen“ der Körperregion zeigt, wie wenig man sich mit seinem Geschlecht auseinander setzt. Ich kann mich auch noch daran erinnern, wie ich versucht habe, mir den ersten Tampon einzuführen und ich vor Schmerzen heulen musste. Im Nachhinein würde ich mir wirklich wünschen, dass mehr in der Schule darüber geredet und auf mehr Produkte hingewiesen wird und auch vielmehr auf die Anwendung eingegangen wird. Natürlich ist es schwierig, zu Beginn eine Menstruationstasse zu verwenden, aber es gibt eben nicht nur Binden und Tampons! Und daher ist es notwendig, darauf hinzuweisen.
Vor allem finde ich es notwendig, nicht geschlechtergetrennt über das Thema Menstruation aufzuklären, denn es ist wichtig zu sagen, dass menstruierende Menschen nicht automatisch Frauen sind. Denn die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder zu keinem der Geschlechter ist auch ein weiteres Thema, worüber mehr Aufklärung geschehen sollte. Durch eine Geschlechtertrennung entsteht m.E. der Eindruck, dass Periode „Frauensache“ ist und Männer sich damit nicht auskennen müssen. Das merke ich tatsächlich auch an meinen Freunden, die keine Ahnung haben, wenn über Periode gesprochen wird. Manchen ist es sogar peinlich, oder ich bekomme ein „oh, du bist so ekelig“ entgegen gebracht. Von den Produkten, die es auf dem Markt gibt ganz zu schweigen. Viele haben auch keine Ahnung, was eine Menstruationstasse ist. „Wie? Du steckst dir eine Tasse da unten rein?“ Ich finde es wirklich traurig, dass in unserer jetzigen Welt, in der doch soviel über den Körper geredet wird, die Periode so wenig thematisiert wird, und es manchen Menschen offensichtlich immer noch peinlich ist, darüber zu reden.

Viele Periodenprodukte führen ein Nischendasein, andere haben sich als Wegwerf-Variante etabliert. Braucht es auf Social-Media mehr Influencer*innen, die Nischenprodukte bewerben? Das scheint ja ein interessanter Markt zu sein.

Es ist ein wirklich spannender Markt, denn gerade in den letzten Jahren ist unglaublich viel passiert. Ich konnte im letzten Jahr beobachten, wie viele neue Cup-Produzent*innen es gibt, die verschiedene Formen anbieten. Selbst bei Menstruationsunterwäsche tauchen beim Googeln unglaublich viele Seiten auf. Ich muss sagen, dass ich es total klasse finde, was über Social-Media an Aufklärungsarbeit betrieben wird! Die Verpackungen der Produkte und Gestaltungen von Posts sind mittlerweile so laut und und bunt, dass es wirklich Spaß macht, sich mit der Periode auseinander zu setzen, und genau so sollte es auch sein! Ich glaube schon, dass Nischenprodukte noch mehr beworben werden müssen, denn es ist notwendig, gerade die Fülle an Produkten zu sehen. Vor allem gibt es ja nicht das eine Produkt, das perfekt auf alle menstruierenden Personen zugeschnitten ist. Jede menstruierende Person muss selbst herausfinden, welches Produkt am besten zu dem eigenen Körper passt, und dann ist es umso besser, wenn es eine größere Auswahl gibt.

Bild von Perioden Produkt Quartett

Wie wichtig ist für dich Nachhaltigkeit. Wenn man an z.B. wohnungslose Menschen denkt, sind Wegwerf-Artikel ja eigentlich die bessere Wahl. Und was hält menstruierende Menschen davon ab, sich mit nachhaltigen Periodenprodukten zu beschäftigen?

Antwort: Natürlich sind Wegwerfprodukte gerade für wohnungslose Menschen die einfachste und auch hygienischste Möglichkeit. Es ist schwer, eine Menstruationstasse zu verwenden, wenn es nicht die Möglichkeit gibt, diese auch nach der Benutzung auszukochen. Wenn man es aber preistechnisch betrachtet, wird es auf lange Sicht viel teurer, denn die Dauerbenutzung von Tampons oder Binden geht wirklich ins Geld. Allgemein kann man sagen, dass dort viel passieren muss, nur ich glaube der Umweltaspekt ist für menstruierende Personen auf der Straße das geringste Problem.
Für Menschen, die nicht auf der Straße leben, ist es durch die nicht ausreichende Aufklärung über Periode einfach, auf Wegwerf-Artikel zurück zu greifen, da man sich nicht so genau mit dem eigenen Blut auseinander setzt. Man entfernt das Produkt, und es landet schnell im Müll. Bei einer Menstruationstasse hingegen sieht man das eigene Blut oder auch die Gebärmutterschleimhaut-Reste, und man bemerkt zum ersten Mal, wieviel Blut man eigentlich verliert. Ich persönlich finde das sehr spannend. Demnach ist es mir auch wichtig, wiederverwendbare Produkte zu benutzen.
Leider sind Wegwerfprodukte die Produkte, deren Anwendung am bekanntesten ist. Deshalb gibt es sie auch fast überall zu kaufen, wie z.B. am Späti oder am Kiosk nebenan. Wäre eine größere Bandbreite an Produkten besser bekannt, wäre die Auswahl an Kiosks oder Spätis sicher auch größer.
Und genau dabei spielt der Umwelt-Aspekt eine große Rolle! Gerade die am meisten bekannten Produkte werden aus hygienischen Gründen einzeln in Plastik verpackt, oder bestehen, wie z.B. Binden auch aus unfassbar viel Plastik. Ich glaube, für uns ist das völlig normal, da wir täglich mit so vielen Verpackungen und Plastik konfrontiert sind. Wieviel Müll eine menstruierende Person innerhalb eines Jahres bei der Anwendung von Wegwerfprodukten produziert, ist erschreckend. Ich kann jedem nur empfehlen, das anhand seines eigenen Verbrauchs für sich einmal durchzurechnen. Wenn man sich dann überlegt, dass das auf die Hälfte der Weltbevölkerung zutrifft und wieviel Müll weltweit vermieden werden könnte, ist das schon Wahnsinn. Von daher ist es so enorm wichtig, sich mit der Vielfalt von Produkten auseinander zu setzen und darüber aufzuklären!

Momentan läuft deine Kickstarter-Kampagne noch für die Finanzierung deines Projekts. Ich gehe davon aus, dass alles gut läuft. Welche Pläne hast du noch, falls etwas mehr Geld zusammen kommt?

Das stimmt, das Crowdfunding geht noch bis zum 31.12. 2020. Momentan läuft es etwas schleppend, was bestimmt auch daran liegt, dass wir jetzt durch die Corona-Pandemie in einer sehr schwierigen Situation stecken. Viele haben sicher anderes im Kopf, als sich derzeit mit der Periode zu beschäftigen. Hinzu kommt jetzt natürlich die Weihnachtszeit. Trotzdem hoffe ich weiterhin sehr auf die Unterstützung vieler Menschen, denn die Periode wird uns dauerhaft beschäftigen, solange es die Menschheit gibt.
Falls mehr Geld zusammen kommt? Gute Frage, damit habe ich mich ehrlich gesagt noch nicht wirklich beschäftigt. Vielleicht wird es mir dann möglich sein, mehr Quartette zu produzieren oder ich spende einen Teil an eine Organisation, die sich für Aufklärungsarbeit einsetzt.
Aber erstmal Daumen drücken, dass das Ziel erreicht wird!

Letzte Frage: Marmelade oder Honig?

Marmelade! Am besten mit Rhabarber!

Danke fürs Interview!

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