Interview mit Tania und Steffi von „Oh Woman“

Wer kann sich noch an den Aufklärungsunterricht in der Schule erinnern? Und wie ist diese Erinnerung? Und vor allem, was wurde einem da beigebracht und vor allem, von wem? Aufklärungsunterricht findet meistens im Fach Biologie statt und oft mit den immer gleichen Themen. „Wie wird eine Frau schwanger?“, die gängigen Verhütungsmittel und der Menstruationszyklus … fertig. Das ist recht herzlich wenig und oft noch peinlich schambehaftet. Man redet sich auf die Internet-Kompetenz der Kinder und Jugendlichen heraus oder denkt an so was, wie das Dr. Sommer Team von der Bravo-Zeitschrift. Das es viel mehr zu wissen und erfahren gibt, ist längst keine Neuigkeit. Doch wie bringt man dieses Wissen weiter? Eine wunderbare Idee dazu hatten Tania und Steffi.

Steffi und Tania möchten mit ihrem Periodenspiel OH WOMAN den Weg ebnen für eine positive Aufklärung über die Periode und den weiblichen Körper – ganz ohne Scham. Bild von OhWoman

Hallo! Ihr seid eigentlich aus der Werbe- und Designbranche. Wie kam die Idee, euch für Aufklärung einzusetzen, vor allem für Menstruation und den weiblichen Körper?

Zwei Dinge:

  1. Unsere eigene Unwissenheit mit Mitte/Ende 20.
    Man könnte meinen in dem Alter ist man eine erwachsene Frau, die Ahnung hat, weil sie seit 25 bzw. 29 Jahren in ihrem Körper steckt. Das stimmt leider nicht, wie wir in gemeinsamen Gesprächen immer wieder feststellen, dass wir Dinge noch jetzt über unseren Körper erfahren, die uns zuvor in keinster Weise bewusst waren (z.B. das Vagina und Vulva nicht dasselbe sind) Und das liegt unserer Meinung nach vor allem an der Aufklärungsarbeit während der Pubertät.
  2. Das Spiel Kalaha – auf dem auch OH WOMAN basiert.
    Das war mein (Stephanie’s) Lieblingsspiel im Kindergarten. Während des Lockdowns habe ich das gemeinsam mit meiner jüngeren Schwester (19) gespielt und dabei die Eingebung gehabt: Wäre doch jetzt witzig, wenn das lauter Vaginas und Binden wären, die man mit Blutstropfen befüllt. Im Moment meiner Offenbarung kam von meiner Schwester: “Steffiii, bist du jetzt komplett abgedreht?” Und ich: “Genau deine Reaktion zeigt mir: Jetzt erst recht ;)”
Das Periodenspiel OH WOMAN macht den Weg frei für eine frühzeitige Aufklärung über die Periode und den weiblichen Körper – ganz ohne Scham. Das Spielkonzept räumt auf mit verbreiteten Mythen und schafft Fakten. Bild von OhWoman

Das Thema Aufklärung wird gerne von einem zum anderen geschoben. Die Schule handelt alles eher „wissenschaftlich“ ab und gibt den Rest an die Eltern weiter. Viele Eltern hadern mit der Thematik und hoffen, dass die Schule das regelt. Im Internet konsumieren die Kinder und Jugendlichen unreflektiert irgendwelche Infos oder Filme. Welche Problematiken und Tabus seht ihr noch bei der Thematik?

Also das sind schon 3 Riesenpunkte, insbesondere der sehr biologische/rationale Schul-Sexualkundeunterricht und Internet/ Pornografie.
Hinzu kommt auch die Kommunikation im Alltag: Werbung zum Beispiel: Frauen, die über Blumenwiesen hüpfen und wenn überhaupt nur weiß bis bläuliche Flüssigkeit von sich geben. Von Blut keine Spur… und dass es vielen gar nicht nach hüpfen während ihrer Periode zu mute ist ganz zu schweigen.

Und Schweigen führt zu einer Tabuisierung – und eben auch zur Unwissenheit.  Und Unwissenheit steigert definitiv nicht das Selbstbewusstsein.

Mit eurem Spiel „Oh Woman“ schlagt ihr eine ganz andere Richtung ein. Warum keine Aufklärungs-App?

Wir sind Fans der Analogen Welt, gerade wo wir doch eh so viel an unseren Viereckigen Geräten sitzen – tut es auch mal gut die Dinger bei Seite zu legen & Momente mit seinen Mitmenschen in live erleben 🙂

Warum das Medium ”Spiel”? Ein Spiel hat den Zweck, dass wir gemeinsam mit unseren Mitmenschen, sei es Freund:innen, Familie oder Kolleg:innen, Spaß haben, uns entspannen können. Ein Spiel sorgt für eine leichte und lockere Atmosphäre – und genau dieses Umfeld ist wichtig, wenn es darum geht ein intimes und für viele noch unangenehmes Thema zu besprechen. Es schafft einen Safespace und einen Türöffner für Konversationen über den eigenen Körper. Und vor allem jede Altersgruppe spielt doch gerne 🙂

Momentan läuft noch das Crowdfunding für euer Spiel. Das Besondere dabei ist, das mit jedem verkauften Spiel ein kleiner Beitrag an „perioden.system“ geht, die Perioden- und Hygieneprodukte für obdachlose Frauen* und Frauen* in Not sammeln und verteilen. Warum ist diese Kooperation euch so wichtig? Wie kam diese zustande?

Es war uns wichtig mit diesem Spiel auch Gutes zu tun und gerade das Thema Periodenarmut ist selbst in einem so wohlhabenden Land wie Deutschland vorhanden, wird aber kaum thematisiert. Viele Frauen & Menstruierende können sich Menstruationsprodukte nicht leisten und greifen deshalb auf alte Kleidung, Zeitung o. ä., was ein Infektionsrisiko mit sich bringt.

Da wir mit OH WOMAN das Tabu der Periode und des weiblichen Körper “bekämpfen” wollen, war es klar, dass Periodenarmut dazu gehört. Wir sind im Frühjahr auf den Instagram Account von periodensystem gestoßen und waren sofort begeistert von ihrer Mission. Deshalb haben wir Gesa, Maxi und Claire einfach via Instagram angeschrieben und tadadada sofort ineinander verliebt gewesen 😉

Das Periodenspiel OH WOMAN macht den Weg frei für eine frühzeitige Aufklärung über die Periode und den weiblichen Körper – ganz ohne Scham. Das Spielkonzept räumt auf mit verbreiteten Mythen und schafft Fakten. Bild von OhWoman

Welche weiteren Ideen stehen mit „Oh Woman“ noch an?

Wir haben eine ziemlich klare Vision: Mit OH WOMAN revolutionieren wir den Sexualkundeunterricht mit Spiel & Spaß. Wir ersetzen das klassische Lehrbuch für den Sexualkundeunterricht – ob in der Schule oder im Kinderzimmer zu Hause.

Es ist uns ein großes Anliegen vor allem frühzeitige Aufklärung stärker zu fördern.

Je früher Wissen und Ahnung über den eigenen Körper, desto selbstbewusster wachsen Teenager heran und desto offener werden sie auch darüber im Erwachsenenalter sprechen – und mit jeder Generation, die kommt wird das Tabu Stück für Stück von der Bildfläche – im besten Fall – verschwinden.

Und da Aufklärung beim Thema Periode noch lange nicht zu Ende ist, möchten wir hier in der Zukunft auch Editionen des Spiels OH WOMAN* u. a. zum Thema Sex, Wechseljahre und auch über den männlichen Körper herausbringen. Hier nur am Rande: Wieso gehen Frauen min. 1x im Jahr zum Frauenarzt:in, aber Männer nicht zum Urologen – sondern meist erst wenn sie Beschwerden haben?

*OH WOMAN übrigens auch deshalb, weil in WOMAN MAN drin steckt: Es geht ALLE etwas an 🙂

Menschen, die sich für mehr Aufklärung, intersektionalen Feminismus, gegen Rassismus etc. einsetzen, haben es nicht immer leicht. Musstet ihr schon Anfeindungen wegen „Oh Woman“ erleben? Falls ja, wie geht ihr damit um?

Nein wir haben bisher nur sehr positiven Anklang gefunden und das bestärkt uns sehr, dass hier viele das Bedürfnis verspüren Aufklärungsarbeit zu verändern.

Welche Empfehlungen (Filme, Literatur, etc.) habt ihr? Was sind eure Must-Read/Watch/Know, die ihr gerne weitergebt?

Wer wissen will wieso wir OH WOMAN leben, der sollte sich definitiv den Kurzfilm “My time” von Giulia Gandini anschauen. Wenn auch nur ein Mädchen wegen unserer Arbeit dieses Selbstbewusstsein hat, dann haben wir alles richtig gemacht 🙂

Auch ein guter Film und sehr erschreckend: Stigma Monatsblutung

Bücher:
Untenrum frei von Margarete Stokowski,
Vagina A Re-Education von Lynn Enright
Period von Natalie Bryne

Instagram: The Female Company, ihre Arbeit bewundern wir sehr.

Stellt euch vor, ihr hättet einen Wunsch frei. Was würdet ihr euch wünschen?

Das wir Menschen uns allen ein wenig mehr zuhören und nicht immer direkt in den Angriffsmodus gehen.
Weniger Hass mehr (Nächsten-)liebe.

Für euer spitzenmäßiges Projekt „Oh Woman“, vor allem für das Crowdfunding, drücke ich euch die Daumen. Eine letzte Frage noch: Bleistift oder Kugelschreiber?

Ganz klar: Bleistift

Danke für das Interview!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.