150 Jahre §218 in Deutschland – Kein Grund zu Feiern

Dass Frauen bzw. gebärfähige Menschen nicht über ihren Körper verfügen können, ist hinreichend bekannt. Sexualisierte Gewalt ist nach wie vor tief verwurzelt in unserer Gesellschaft. Gestützt wird das auch noch juristisch  durch einen Paragraf, der 1871 ins Strafgesetzbuch aufgenommen wurde, und heute am 15.05.2021 ein trauriges Jubiläum hat.

Stigmatisierung und Kriminalisierung

Der Schwangerschaftsabbruch ist zwar straffrei, wenn einer der Indikationsregelungen trifft, aber bleibt dennoch rechtswidrig. Das bedeutet, dass seit 150 Jahren Frauen und gebärfähige Menschen in Deutschland systematisch stigmatisiert und kriminalisiert werden, ohne ihnen echte Unterstützung zukommen zu lassen. Der deutsche Staat bevormundet, mit tatkräftiger Unterstützung der Kirche, seit 150 Jahre Menschen und legt dabei eine massive Doppelmoral an den Tag. Die Vorurteile und Anschuldigungen an Menschen, die eine Abtreibung in Anspruch genommen haben, sind enorm. Die Betroffenen werden als „Mörder“ verschrien oder als faule Menschen, die sich der Verantwortung entziehen. Regelmäßig kommt auch der Vorwurf man wäre unfähig oder geistig nicht in der Lage richtig zu Verhüten.

Verhütungung = Frauensache?

Aber das Dilemma fängt bei vielen bereits an mit der Annahme, der gebärfähige Mensch ist alleine dafür verantwortlich die Verhütung zu übernehmen. Die Kosten dafür sind natürlich privat zu tragen, denn die gesetzlichen Krankenkassen zahlen nur bis zum 22. Lebensjahr. Hartz IV Empfänger:innen können auch kaum die Kosten von Verhütungsmitteln alleine stemmen, denn für Verhütungsmittel, Gesundheits- und Hygieneartikel stehen lediglich 15€ zur Verfügung.

Aufklärung – Es hapert am der Basis

Die Aufklärung über Sexualität und Verhütung sind nach all den Jahrzehnten so mangelhaft und schambehaftet wie eh und je. Auch hier bekleckert sich der Staat mit Ruhm, indem er fundamentalistischen Strömungen für die Schulbildung Tür und Tor öffnet, wie z. B. der Projekttag „Tag des Lebens“. Eine Regelung, die unter Horst Seehofer erstmals 2016 in die „Richtlinien für die Familien- und Sexualerziehung“ aufgenommen wurde. Eine Reihe an Aktivist: innen reden sich seit Jahren den Mund fusselig, weil bis heute eher Mythen statt Fakten gelehrt werden. Angefangen von der Menstruation bis hin zu Sexualität oder Gendern. Für das Thema „sexualisierte Gewalt“ ist anscheinend in der Bildung erst recht kein Platz, oder vielleicht nur sehr wenig. Auch die Wissenschaft hinkt hinterher, denn die Forschung rund um die „Pille für den Mann“ wurde lange Zeit nicht weiter verfolgt. Gemäß dem Grundsatz: Verhütung (und somit auch Kindererziehung) = „Frauensache“. Bereits die Basis, damit das ethische Dilemma einer Abtreibung erst gar nicht entsteht, ist auf Sand gebaut.

Kinderhass, Frauenhass, Menschenhass – Made by Patriarchy and Captialism

Und es geht noch weiter. Es kürzlich machte Margarete Stokowski in ihrer Kolumne darauf aufmerksam, wie extrem kinderfeindlich Deutschland ist. Angefangen von den gestiegenen Anzahl an Missbrauchsfällen und häuslicher Gewalt, während des ersten Lockdowns Frühjahr 2020. Auch die Hilfe-Telefone verzeichneten einen vermehrten Anstieg. Frauenhäuser sind seit Jahren heillos überfüllt und unterfinanziert. Die Pandemie hat dieses Problem massiv verstärkt, aber die Politik klatscht hier dankbar in Hände, um sie danach wieder untätig in den Schoß zu legen. Was das mit Abtreibungen zu tun hat? Eine Menge, denn wenn dieses ungeborene Leben so schützenswert, sollte man auch darüber reden, welchen Stellenwert es auch nach der Geburt hat. Einfach mal innehalten und überlegen, wie wir mit denjenigen umgehen, die diese Kinder austragen und großziehen und dabei oft in Altersarmut rutschen.

Die Kirche – die Scheinheiligkeit als Institution

Die Kirche ist mit ihrer Forderung das ungeborene Leben zu schützen immer ganz laut, aber schafft es nicht einmal die Missbrauchsfälle in den eigenen Reihen zu klären. Hinzu kommt, dass sie kürzlich die Tarifverhandlungen für die Altenpflegekräfte torpediert hat. Bildung und Pflege ist das Kerngeschäft der kirchlichen Träger, wo nach wie vor am meisten Frauen arbeiten. Eine Mutter, die in der Pflege arbeitet, kann kaum von dem Gehalt leben und ihrem Kind auch nicht das wundervolle Leben bieten, wie man es sich wünschen würde. Von Liebe und Luft kann man allein nicht leben. Die Kirche predigt ihren Gläubigen das Wasser, während sie sich selbst den Wein einschenkt. Mit christlicher Nächstenliebe hat das Mobbing gegen Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheiden, recht herzlich wenig zu tun.

§218 und §219a – Eine Bedrohung für alle

Die systematische Stigmatisierung von gebärfähigen Menschen durch den §218 und die Kriminalisierung von Mediziner:innen durch den §219a, führt zu unerträglichen und zusätzlichen Leid. Überholte geschlechtliche Rollenklischees bleiben dadurch fest verankert in der Gesellschaft. Beide Paragrafen stützen nur das Patriachat und den Kapitalismus, was vor allem breite Gefolgschaft und Befürwortung von rechtsnationalen Kräften Anklang findet. Der §218 ist eine offene Bedrohung von trans Männern, nicht binären Personen, usw. und das seit 150 Jahren. Das ist kein Jubiläum, sondern eine Schande. Wer weniger Abtreibungen will, der hat sich um die oben genannten Probleme zu kümmern.

Weg mit §218 und §219a!

Seit 150 Jahren führt an den Kampf und die Kritik kein Weg vorbei und auch dieses Jahr sind viele Aktionen geplant. Eine Petition dazu läuft bereits und braucht noch deutlich mehr Unterstützung. Und wir sollten nicht verzagen, sondern in Ländern schauen, die diesen Kampf bereits gewonnen haben, denn man kann erfolgreich gewinnen.

In diesem Sinne …

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