Frau Perchta und der kleine Tod

Vorab:

Dieser Artikel über Sternenkinder setzt sich mit der Thematik rund um den Tod, Fehl- und Totgeburten, insbesondere Frühaborte auseinander. Dies kann für Menschen mit starkem Kinderwunsch, Totgeburt Erlebnissen, mehrere Fehlgeburten in der Früh- und Spätschwangerschaft, Abtreibungen oder ähnlichem äußerst belastend sein. Hilfe und Unterstützung findet ihr beim Bundesverband verwaister Eltern und trauender Geschwister  auf der Selbsthilfe Seite Leben ohne Dich oder beim Verein Pusteblume.
Dieser Essay wurde am 30. September erstsmals auf Spontis veröffentlicht.

Die Nacht des 19. Januar 2018 war nicht nur sehr kalt, es hatte auch wieder zu schneien begonnen, als ich aus dem Auto stieg und auf Therris Haus zuging. Ich stampfte durch die Schneemassen der letzten Tage und klopfte an die Tür. Ihr Freund Chris öffnete die Tür und winkte mich herein.

„Hi Jojo, komm rein! Pizza ist gleich fertig.“ – „Griasde Chris, wo ist das Geburtstagskind? Ah, hi! Alles Gute zum Geburtstag! Du Therri, ich kann nicht lang bleiben, ich hab noch Nachtschicht.“ „Danke! Passt schon, ist ja trotzdem schön, dass du kurz vorbeischaust.“

Sie zieht mich ins Wohnzimmer und stellt mich vor: „Das ist Jojo, sie muss leider noch zur Nachtschicht. Setz dich doch kurz!“ Ich such mir den freien Platz neben einem Pärchen aus, er spricht mich freundlich an.

„Oh, du musst noch arbeiten? Was arbeitest du denn?“. „Ich bin Krankenschwester.“ „Oh ja, das ist ein harter Job. Schichtdienst und so. Oben im Krankenhaus?“ Ich nicke. Jetzt fragt mich seine Freundin: „Und auf welcher Abteilung arbeitest du?“„Gynäkologie und Geburtshilfe“, antwortete ich. „Oh das ist ja toll. Mit den süßen Babys! Wie schön! Das ist wirklich eine positive Arbeit in dieser harten Branche.“, sagt sie strahlend.

„Ja. Auch.“ Verwirrte Blicke. Die junge Frau lacht nervös: „Hä? Wie meinst du das – auch‘? Also ich mein, äh, hallo süße Babys, die auf die Welt kommen. Was soll daran nicht schön sein?“. „Es ist eben nicht alles schön. Weder in der Geburtshilfe noch in der Gynäkologie. Klar ist es schön, wenn ein Kind gesund und munter zu Welt kommt und sich alle freuen. Aber es gibt auch andere Fälle. Jeden Tag.“ „Wie bei Herzogin Kate? Der war doch so schlecht, dass sie ins Krankenhaus musste.“

Ich bleibe zunächst still und überlege kurz, ob ich – 45 Minuten bevor ich zum Dienst antreten muss –, die beiden mit einer Floskel abspeise oder ganz ich selbst bin und ehrlich antworten soll. Ich entscheide mich für letzteres: „Ja, auch. Aber die Frauen kommen auch mit Brustkrebs und anderen Krankheiten zu uns.“ Das Pärchen, vor allem sie, scheint mit meiner Auskunft zufrieden zu sein. Sie nimmt seine Hand, er lächelt sanft, und doch haken sie wieder bei mir nach. Als wollten sie eine wichtige Bestätigung haben: „Aber das mit den Babys. Das ist doch nun wirklich schön in deiner Arbeit, oder?“. „Ja. Auch.“

Im Gesichtsausdruck des Pärchens mischt sich Verwirrung mit einem Hauch Angst. Ich merke, dass ich die Eiseskälte der Januarnacht in die Partyrunde gebracht hatte. Aber sie wollten es ja hören: „Nun ja, nicht jede Schwangerschaft endet damit, dass man ein gesundes Kind im Arm hält. Manchmal endet eine Schwangerschaft schon sehr früh. Deswegen warten ja alle drei Monate, bis sie die Neuigkeit erzählen – dann sinkt das Risiko für einen Abgang des Kindes. Aber auch danach kann es sein, dass das Kind im Bauch verstirbt. Manchmal passiert das sogar in den letzten paar Wochen oder Tagen. Und sowas erlebe ich halt auch in meiner Arbeit.“

Solche Blicke kann ich aushalten. Und diese Art von betroffenem Schweigen auch. „Pizza ist fertig!“ – Das ist mein Stichwort, mich von dieser Party zu verabschieden. Ich schlüpfe in meinen Mantel, zieh mir die Kapuze über und öffne die Haustür. Der Wind schlägt mir die Schneeflocken entgegen. Frau Perchta bricht auf zu ihrer Nachtschicht. In der kleinen Wohnung drehen sie die Heizung etwas höher.

Über tote Kinder redet man nicht. Über unglücklich geendete Schwangerschaften auch nicht. Und über Sternenkinder, also solche, die in der Frühschwangerschaft gehen mussten, auch nicht. Todgeburten, Abtreibungen, Aborte, Abgänge, – egal wie man es nennen mag oder um was es sich im Einzelfall handelt. Es ist ein Tabu. Man redet nicht darüber. Oder zumindest nicht gern. Oder, wie ich, in scheinbar unpassenden Momenten. Vielleicht liegt aber auch genau dort das Problem. Wir reden nicht miteinander über den Tod und das Sterben, weil wir dafür keine Kultur mehr haben.

Schlafsäcke für Sternenkinder
Kleine Schlafsäcke für Sternenkinder. Ehrenamtlich genäht aus Stoffresten. Bild von Johanna

Früher war der Tod ein vertrauter Begleiter der Menschen – fester Bestandteil von Natur, Religion und Kunst. Die angsteinflößenden Ungewissheiten, die Tod und Geburt mit sich bringen, passen nicht in unsere optimierte Zeit.

Beides soll unter kontrollierten Bedingungen im Krankenhaus stattfinden.

Den Ausbau der medizinisch-pflegerischen Versorgung, sowie den medizinischen Fortschritt muss man sich vor Augen halten. Sieht man sich die absoluten Zahlen des Statistischen Bundesamtes an, merkt man, wie viel sich getan hat. Während 1946 noch 22.538 Totgeburten verzeichnet worden

sind, waren es 2014  2.597 Totgeburten, also Kinder, die mit 1000g (von 1979 bis 1994) bzw. 500g (ab 1994) zur Welt kamen. Kinder, die das oben genannte Gewicht nicht erreichen oder sehr früh in der Schwangerschaft versterben, werden gar nicht erfasst. In den Nachrichten tauchen immer wieder Mitteilungen auf, das man Frühchen mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht und einer langwierigen intensiv-pflegerisch-medizinischen Versorgung, dann nach Monaten endlich nach Hause entlassen kann. Wir leben also in einer Zeit in der Sterben nicht erwünscht ist. Ebenso wie behinderte Kinder oder tot geborene Kinder. Der Fortschritt in der Medizin scheint so groß und fantastisch, dass sowas wie Behinderung und Tod doch unmöglich sein kann bzw. zu verhindern sein sollte. Vielen Ärzten und Therapeuten geht es ähnlich, denn wenn ein Patient verstirbt, haben sie und ihre vorgeschlagene Therapie versagt. Tod und Sterben ist in unserer Gesellschaft politisch nicht korrekt, außer man kann es gewinnbringend mit der Krankenkasse abrechnen. Oder anderweitig geldbringend betreiben, wie z.B. die Diskussion um die Sargpflicht uns zeigt.

In der Generation meiner Großmutter war es noch gang und gäbe, dass Geschwisterkinder tot geboren wurden oder sehr früh verstarben. Ein stilles Drama, eingebrannt im familiären Gedächtnis. Aber selbst zu dieser Zeit wurde schon nicht darüber geredet. Diese Erinnerungen ploppen plötzlich bei den Frauen auf und meist in einer Situation, in der es, wie auf meiner kleinen Party, unangebracht scheint. Meine Freundin Silvana, eine studierte Biologin, war mit ihrem ersten Kind schwanger und hatte beruflich viel mit Hopfenbauern zu tun. Als eine der Hopfenbäuerinnen ihren Babybauch sah, erzählte diese plötzlich und sehr freimütig, wie sie als junge Frau bei der Arbeit im Hopfengarten war und an jenem Tag starke Schmerzen im Unterbauch verspürte. Die Schmerzen nahmen über den Tag immer mehr zu. Als gegen Abend alle Arbeiter zur Abfahrt gerufen wurden, waren die Schmerzen so stark und ein Druck nach unten (als müsste sie auf die Toilette) war so massiv, dass sich die Frau zwischen den Hopfengärten versteckte, die Unterhose runterzog und einfach presste. Sie erzählte, wie damals ein großer, rot-blutiger Schleimklumpen aus ihr herausplumpste. Voller Scham und Schock vergrub sie jenen “Klumpen“ zwischen den Hopfenstangen. Ein Sternenkind beerdigt in den Hopfengärten. Ein vergrabenes Trauma, das Jahrzehnte später in Gegenwart einer Fremden mit dickem Bauch hervorbricht.

Allein, dass diese Frau ihr Sternenkind begraben hat, ist bemerkenswert, denn sie weiß immerhin, wo sie es begraben hat. Nicht wichtig bei einem Zellhaufen? So jedenfalls dachte man lange Zeit in Krankenhäusern, und entsorgte die Sternenkinder als Klinikabfall. Nichts ist quälender für Eltern, als nicht zu wissen, was mit ihrem Kind passiert ist. Außer vielleicht die intuitive, traurige Gewissheit, dass ihre Hoffnungen buchstäblich auf den Müll geworfen wurden.

Was der Bäuerin damals intuitiv richtig erschien, braucht heute Überzeugungsarbeit: Selbst manche Krankenschwester ist verwundert, welchen Aufwand wir in unserem Krankenhaus für Eltern und ihre Sternenkinder betreiben. Unabhängig davon, ob es eine fortgeschrittene Schwangerschaft, eine Eileiterschwangerschaft oder ein sogenanntes Windei ist. Solche Sternenkinder gehören nämlich nicht entsorgt, sondern anstandsmäßig bestattet. Und zwar an einem Ort, der für die trauernden Eltern zugänglich ist. Viele Gemeinden in Bayern bieten solche Sammelgräber für Sternenkinder bereits an, aber längst nicht alle. Meist mit einem schönen Denkmal. Kurios wird so ein Gräberfeld, wenn Kommunalpolitiker aufwändig überzeugt werden müssen, und erst dann dem Ganzen Nachgeben, wenn Verluste bei Wählerstimmen drohen. Dann wird aus einem einfachen Gedenkstein auf dem Gräberfeld schnell ein übertriebenes, künstlerisches Monument, das eher einem Ehrenmal für den plötzlich überzeugten Politiker gleicht.

Es ist Februar und trotz des strahlenden Sonnenscheins bitterkalt. Ich trage meine schwarzen Stiefel, meinen langen roten Mantel, mein großes, russisch-folkloristisches Tuch und gestrickte Handschuhe. Mit meiner Tochter an der Hand stampfe ich durch den Schnee, einen alten Holzschlitten auf den Rücken gebunden. Wir sind mit meiner Freundin Daniela auf dem Weg zu nächsten Schlittenberg.

„Langsam siehst du wirklich aus wie die Frau Holle!“ lacht sie zu mir herüber. „Wie die Perchta bitte, wir sind ja in Bayern!“ gebe ich zurück, und werte es als Kompliment. Denn obwohl die Perchta, oder eben die Frau Holle, vielen schrecklich erscheint, Angst und Kälte bringt, ist sie auch ein guter Geist. Sie ist es, die in Teichen oder Brunnen die Seelen der ungeborenen Kinder hütet. Die Kinder sausen mit dem Schlitten den Berg herab, während wir unten warten. Es fängt schon wieder an zu schneien.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.