Problem?! Welches Problem denn?

Eine Erinnerung aus meinen Alltag als Gesundheits- und Krankenpflegerin:

„Ich hab Frühdienst und bin für den sogenannten OP-Dienst eingeteilt. Das heißt, ich empfange die Patient:innen, die am heutigen oder morgigen Tag operiert werden. Am Eingang zu unserer Station hole ich eine junge Frau, die für einen ambulanten Eingriff kommt. Ich begrüße sie, bringe Sie auf das Zimmer, wo ich sie über die weiteren Schritte aufkläre und wie die Patientenrufanlage funktioniert. Sie wirkt dabei sehr zurückhaltend und schüchtern. Meistens sind die Leute auch bei kleinen ambulant durchgeführten Maßnahmen sehr aufgeregt. Ich frage, ob ich jetzt gerade noch etwas für sie tun kann. Sie läuft knallrot an und stottert, dass sie ein Problem habe. Ich ahne, was jetzt kommt und frage nach und ich behalte recht. Die Patientin errötet und stottert, dass sie gerade ihre Menstruation hat und sie jetzt Angst hat, dass man zum einem die Operation nicht machen kann, zum anderen, weil sie nicht weiß, wie sie es mit den Menstruationsprodukten jetzt machen soll und ob wir welche haben. „

Leute, ernsthaft! Wir haben das Jahr 2021

Es ist Montag, der 12.04.2021, wir stecken mitten in der dritten Welle der Covid-19 Pandemie. Es ist Viertel nach acht und das lineare Fernsehprogramm hat einiges im Angebot. Da ich mittlerweile sehr selten mir noch Sendungen im linearen Fernsehprogramm ansehe, fällt an diesem Montagabend meine Wahl auf die ersten Folgen der Miniserie Chernobyl. Eine wunderbare Entscheidung, aber ich verpasse an anderer Stelle den Beginn eines berechtigten Shitstorms.

Hauptsache es ist pink

In der Sendung „Die Höhle der Löwen“ stellten Eugen Raimkulow und André Ritterswürden, die Gründer des Start-ups Pinky, ihr Produkt vor. Einen pinken Einmalhandschuh zur hygienischen Entsorgung von Tampons und Binden. Jawohl, richtig gelesen. Es handelt sich um einen pinkfarbenen Einmalhandschuh mit, und das ist vermutlich der Clou daran, einem Klebestreifen. So kann das blutige Menstruationsprodukt einfach eingewickelt werden, sodass es ja keiner sehen muss. Oder sogar riechen.

Fotodesign von Johanna über Canva

Die beiden Herren sind auf diese „Idee“ gekommen, als sie in einer WG mit einer Frau zusammengewohnt haben und feststellen mussten, dass es etwas gibt, was sich Menstruation nennt. Und da haben die beiden auch ein „Problem“ erkannt, nämlich dass eine „fachgerechte und diskrete“ Entsorgung von Menstruationsprodukten „schwierig“ ist. Ralf Dümmel ist überzeugt und investiert in das Start-up Unternehmen mit 30.000€. Der Shitstorm nimmt seinen Lauf.

How to get rich by the Pink Tax – and other sexism stories

Die beiden Gründer von Pinky werden nicht die letzten Menschen sein, die menstruierende Menschen missverstehen und ihnen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Florian Lamp von PINK Tampons hatte die glorreiche Idee, Softtampons in eine pinke Verpackung zu stecken und sie dadurch einfach teuer zu verkaufen. Mit dem richtigen Marketing gelang es auch, und dass obwohl es Softtampons schon wesentlich länger und auch günstiger gibt. Ganz zu schweigen von all den wesentlich umweltfreundlicheren Produkten.

Was wir wirklich brauchen:

Foto von Johanna

Wo fangen wir an mit der Kritik an Pinky? An der Farbe Pink? Dass es ein überteuertes Produkt ist? Oder dass es sich um ein weiteres umweltschädliches Einmalprodukt handelt? Das alles wieder darauf hinaus läuft, dass die Menstruation etwas Ekliges und Widerliches ist, was man schön leise und diskret wegtamponieren und verstecken muss? Ich könnte ewig so weitermachen. Fakt ist, dass hier ein Produkt „entwickelt“ worden ist, um ein Problem zu beheben, wo eigentlich keines ist. Die Menstruation ist kein Problem, nur wie wir damit umgehen. Wir brauchen keinen pinken Handschuhe, um unsere Periodenprodukte zu entsorgen, sondern überall Mülleimer, Waschbecken, Seife, fließendes Wasser, Handtücher und in öffentlichen Gebäuden kostenlose Periodenprodukte. Wir brauchen keine reaktionären Menschen, die uns weißmachen wollen, die Menstruation sei etwas ekliges, wofür wir uns schämen müssen. Wir brauchen mehr echte Aufklärung und wirkliche innovative Ideen, wie z. B. das Spiel „Oh Woman“ oder das Periodenproduktquartett. Wir brauchen ein Bewusstsein für Period Poverty, sowie es bereits der Verein Social Period e. V. macht. Wir brauchen mehr Menschen wie Franka Frei.

Das menstruierende menschliche Wesen und seine Nischenprodukte

By the way: Im Jahr 2019 versuchten Kristine und Kati mit ihrem Start-up Ooshi (jetzt Ooia) einen Deal bei „Die Höhle der Löwen“ zu ergattern. Dort stellen die beiden ihre Menstruationsunterwäsche vor. Beide gingen leider ohne Investor nach Hause, weil es laut Geldgeber ein Nischenprodukt wäre. Der Rest ist mittlerweile eine erfolgreiche Geschichte.

(K)ein Problem

„Ich lächle die Frau freundlich an. „Ihre Menstruation ist kein Problem und vor allem nicht für uns. Schließlich sind wir die Hauptabteilung Gynäkologie und Geburtshilfe. In diesem Schrank hier finden Sie Binden, die sie gerne benutzen können.“ Die Patientin wirkt sichtlich erleichtert und bedankt sich bei mir. Als ich das Zimmer verlasse, muss ich etwas schmunzeln. Ja, die Menstruation kann schon manchmal problematisch sein, wenn man z. B. Schmerzen hat aber ein Problem? Nein, ein Problem an und für sich ist die Menstruation sicherlich nicht.“

In diesem Sinne …

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